Geschichten: DiaryStories

Radreisen: Köln-Berlin Köln-Madrid

Köln-Berlin - Tagebuch

 

17.Mai.2016

Am Besten fange ich mit dem Ende meiner Eintragungen zur Reise Köln-Berlin an.

Viele sagen ja, sie seien froh den Dom wiederzusehen, fühlten sich dann wieder zu Hause und.... na ja, das kennt man ja.

Der Eintrag vom 10. Mai spricht eine andere Sprache. Davon, entflohen zu sein aus dem engen Gitter des "zu Hauses" und den damit verbundenen manchmal doch genügsamen und bequemen Vor- und Einstellungen, den eingefahrenen Lebensgewohnheiten.

Einer Art Aufräumen hat begonnen, das die nächsten Jahre und gewiss die nächsten Reisen bestimmen wird.

Dennoch lasse ich hier die Eintragungen (mit marginalen Änderungen) stehen - als Zeitdokument.

Und natürlich möchte ich den geneigten Leser(innen) das durchweg touristische Vergnügen dieser Reise über die Bilder und technische Tourbeschreibungen vermitteln. 

 

10. Mai

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... in Köln

Gemischte Gefühle - beschreibt es wohl am Besten.

Das Rad in der Hand, das mir "an den Hintern gewachsen" ist, in Gedanken noch weit weg und schon wieder hier. Im Gepäck hunderte Aufzeichnungen, Texte, Bilder, Fragmente, die zusammengefügt werden müssen. Im Kopf schon die nächste Reise, die sicher eine andere werden wird, als die am "grünen Tisch" geplante.

Die Reise hat vieles geändert. Fragwürdig gewordenes muss ich überdenken. Gewohnheiten, Sichtweisen, Routinen, Alltägliches sind auf den Kopf gestellt. Zunächst einmal bleibt die Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es scheint, Pläne und Vorstellungen eben nur das eine sind und das "Erfahren" viel mehr bereit hält, als ich es mir gedacht habe.

Als erstes Fazit bleibt mir die Gewißheit, mich jederzeit wieder auf das "Reisen" einzulassen.


Foto: Costa Belibasakis

 
 
 

 

Tag 1

Köln - Schwerte

Blick über den Rhein von der Fähre Langel-Hitdorf

51°3'13" N 6°54'55" E

 

Daten zur Tour:

Länge: 90 km

Höhendifferenz: 230 Meter (Höhe von 33 Meter bis 263 Meter)

An- und Abstiege: + 854 Meter - 697 Meter

Steigungen: max.: + 16,4% - 9,3%; Durchschn.: +1,7% - 1,5%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine leichte Tour, geeignet für Tourenfahrer. Die Route führt zum großen Teil über Radwege an den Bundes- und Ortsstraßen entlang, in wenigen Abschnitten über Waldwege. Die Steigungen sind bis auf  kurze Strecken moderat. Die Tour ist für Rennräder nur eingeschränkt geeignet.


29.04.2016

Auf Tour

10 Uhr - los geht´s. Das erste Mal habe ich den Daily Grinder voll bepackt; ca. 30 Kilo auf drei Satteltaschen und meinen Rucksack verteilt - viel zu viel.

Doch komme ich gut voran, das Rad liegt wie ein Brett und ist hervorragend zu handhaben. Bin ich zunächst mit diesen Dingen beschäftigt, ändern sich die Gedanken schon bald. Auf der Fähre von Langel nach Hitdorf beschleicht mich zum ersten Mal das Gefühl: "Jetzt bist du weg", obwohl ich mich noch auf mir wohl bekannten Straßen bewege. 

Bei Hilden, in der Ohligser Heide treffe ich einen 76jährigen Ultramarathon-Läufer, der noch heute, sagt er, Laufstrecken bis zu 170 Kilometern in zwei Tagen bewältigen kann. Wie er das denn schaffe, frage ich. "Früh aufstehen", lächelt er und zockelt davon. Er bewegt sich, wie die Indianer das wohl immer bei langen Strecken gemacht haben: 100 Meter Laufen, 100 Meter Gehen, 100 Meter Laufen, 100 Meter Gehen... ... Ich glaub´s ihm.

Auch ich zockele weiter und fahre über Haan nach Wuppertal-Vohwinkel hinein, wo mir natürlich als erstes die Schwebebahn auffällt. Unter diesem lustigen Gefährt, aufgehängt an langen grünen Spinnenbeinen geht es entlang der Wupper weiter in Richtung Zentrum – ich verdränge den bedrückenden Eindruck, den die langen grauen, verwahrlost erscheinenden Industriebauten und Häuserfassaden der heute mit Milliarden Euro verschuldeten Stadt hinterlassen und bin froh, Wuppertal nach gut 19 Kilometern zu verlassen.

Auf einem schönen Stück Landstraße geht es nun über den mit 263 Metern höchsten Punkt der Tour nach Gevelsberg hinein. – Kurze Pause in einer wenig belebten Einkaufsstraße, Kaffee „tanken“. – Nieselregen setzt ein. Die letzten 20 Kilometer bis kurz vor dem Ziel haue ich noch einmal richtig rein, durchquere Hagen und erreiche Schwerte-Westhofen.

„Ziemlich locker geschafft“, denke ich noch. Dann kommt es.

Naturfreundehaus Ebberg heißt das Ziel – eineinhalb Kilometer entfernt. Und die geht es jetzt hoch von 100 Metern über NN bis auf 210 Meter über NN mit Steigungen bis um die 13%. 

Ich drücke die Pedale mit aller Kraft, ziehe, drücke.

Nach einem Kilometer gebe ich auf und steige ab; Stolz und Ehrgeiz lasse ich fahren, schiebe die rund 110 Kilo Gesamtgewicht hoch und habe es nach acht Stunden endlich geschafft. Freundliche Menschen empfangen mich, ich bekomme mein heiß ersehntes Bierchen, Currywurst mit Fritten - und dann bin ich allein. Es ist noch keine Saison und so steht das ganze riesige Haus leer. - Keiner mehr da.

Immerhin schaffe ich es noch, den Track hochzuladen und bin dann schnell im Land der Träume.

 
 

Am Rand der Ohligser Heide

51°9'25" N 6°57'32" E

Die Wuppertaler Schwebebahn
51°14'55" N 7°7'14" E

Landstraße vor Gevelsberg

51°18'4" N 7°15'50" E

Gelandet am Naturfreundehaus Ebberg

51°25'23" N 7°30'50" E


Tag 2

Schwerte - Paderborn 

Landschaft bei Wandhofen

51°25'30" N 7°33'4" E

 

Daten zur Tour:

Länge: 108 km

Höhendifferenz: 123 Meter (Höhe von 94 Meter bis 217 Meter)

An- und Abstiege: + 625 Meter - 714 Meter

Steigungen: max.: +8,8% - 17%; Durchschn.: +0,9% - 1,1%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine leichte Tour, geeignet für Tourenfahrer. Die Route führt zum großen Teil über Radwege an den Bundes- und Ortsstraßen entlang; an den wenig frequentierten kleineren Landstraßen gibt es meist keine Radwege. Die Steigungen sind zwischen Kilometer 0 und 20 bis auf wenige gut zu nehmende Rampen moderat, danach wird es flach. Die Tour ist für Rennradfahrer geeignet.


30.04.2016

Regentag

Mann o Mann welch ein Tripp. Kurzbeschreibung: 110 Kilometer, über 60 Kilometer Regen, über 50 Kilometer geradeaus entlang der B1. Den ganzen Tag grauer zugezogener Himmel.

Ich nehme es wie es ist und mache "Pace", weil fotografieren sich kaum lohnt - mir fehlt einfach das Licht. 

Das geht gute 50 Kilometer gut, aber dann kommt starker Unwille auf, es ist einfach langweilig, Ich stoppe an einer Kneipe in Soest, ziehe mir ein Pils rein, gucke ein wenig Bundesliga; Fachsimpeln mit den Gästen eingeschlossen und steige besser gelaunt wieder auf.

Durch die Soester Börde gehts immer ganz geradeaus, über mir grauer Himmel, neben mir Autoverkehr vor mir die Horizontlinie, links und rechts Rapsfelder, Wiesen, Äcker, Gehöfte und kleine Flecken. Bei schönem Wetter eine Strecke, die viel fürs Auge bietet (das ein oder andere Mal halte ich denn doch zum Fotografieren) und für sportliche Fahrer sicher eine gute "Rennstrecke" ist. Mir aber wird es fad.

Bei Kilometer 90 fahre ich in Salzkotten an einem Hotel vorbei. Ich denke kurz daran, einzuchecken. Aber mich packt der Ehrgeiz "Die 20 Kilometer schaffst du auch noch" und trete weiter. 

Hätte ich besser nicht gemacht. Die Kilometer ziehen und ziehen sich - es ist nicht in erster Linie der körperliche Zustand, es ist der Kopf, der streikt und dauernd rummault "steig ab", "keine Lust mehr" ... und und und.

Nun, schließlich bin ich in Paderborn, finde Unterkunft in der Jugendherberge, schmeiß meine Sachen von mir und folge meinen Grundbedürfnissen: Essen, Bier trinken, Schlafen.


 

Landschaft bei Erwitte

51°9'25" N 6°57'32" E

In Siddinghausen

51°31'56" N 7°47'34" E

Bismarckturm bei Fröndenberg/Ruhr

51°30'2" N 7°42'24" E

Landschaft bei Hemmerde

51°32'11" N 7°47'46" E


Tag 3

Paderborn-Höxter

Der Wind treibt das Licht
51°48'5" N 9°3'26" E

01.05.2016

Endlich Frühling

Für heute hatte ich mir eigentlich eine weitere "100er" vorgenommen, nämlich von Paderborn nach Einbeck. 

Doch einiges hindert mich: der Frühling ist da, wunderbares Licht zum Fotografieren. Und ich tauche in eine herrliche Landschaft ein: das Weserbergland

Na ja, eintauchen kann man nicht gerade sagen, denn zuerst gibt es einen gut 20 Kilometer langen Anstieg mit teils knackigen Steilstücken, die mir ganz schön zu schaffen machen. 

Aber wie immer wird das belohnt. Oben angekommen liegt die Hügellandschaft vor mir, der starke Wind treibt die Wolken und die Sonne über die Landschaft, ein unendlich schönes Spiel zwischen Licht und Schatten fasziniert mich. Ich bleibe einfach sitzen und träume mich hinein.

Endlich bin ich angekommen: weg vom Kilometer-Schinden zum wirklichen Reisen.

Der Entschluss fällt mir leicht. Ich kürze die Tour um gut 40 Kilometer mit dem Ziel Höxter.

Gemächlich fahre ich vom höchsten Punkt der Strecke auf welliger Landstraße hinauf und hinab, halte hier und da, betrachte das Grün, das Weiß, das Blau; Dörfer, Felder, Höfe, ich gebe dem Gegenwind keine Chance mich zu ärgern - ich wehre mich einfach nicht, sondern akzeptiere, dass es so ist.

Und dann kommt es: nach dem letzten Gipfel bei Kilometer 43 geht es nur noch bergab. Gute 14 Kilometer in teils rasender Abfahrt (ich denke nicht mehr daran abzusteigen) bringe ich genussvoll hinter mich und stoppe erst mitten in Höxter vor dem Hotel Corveyer Hof.

Daten zur Tour:

Länge: 57 km

Höhendifferenz: 281 Meter (Höhe von 101 Meter bis 382 Meter)

An- und Abstiege: + 594 Meter - 605 Meter

Steigungen: max.: +14,1% -13,1%; Durchschn.: +1,9% -2,1%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine anspruchsvollere Tour, geeignet für Tourenfahrer. Die Route führt zum großen Teil über Radwege an den Bundes- und Ortsstraßen entlang; an den wenig frequentierten kleineren Landstraßen gibt es meist keine Radwege. Zwischen Kilometer 0 und 19 führt die Strecke kontinuierlich mit einer durchschnittlichen Steigung von 2,1% mit einigen Rampen zwischen 9 und 14% aufwärts, danach folgt welliges Profil; ab Kilometer 42 geht es nur noch abwärts. Die Tour ist auch für Rennradfahrer geeignet.


Blick vom Osterberg bei Merlsheim

51°47'59" N 9°2'2" E

Landschaft bei Benhausen

51°44'15" N 8°49'1" E


 Landschaft bei Bredenborn

51°48'32" N 9°11'46" E

 

Pause bei Altenbeken

51°46'0" N 8°57'54" E

Eisenbahn- Viadukt in Altenbeken

51°45'46" N 8°55'29" E

 

Landschaft bei Externbrock

51°48'57" N 9°8'43" E

Landschaft bei Merlsheim

51°47'59" N 9°2'2" E

 

Blick auf Neuenbeken

51°44'33" N 8°50'35" E


Tag 4

Höxter-Einbeck

Blick auf Holzminden

51°50'26" N 9°25'49" E

Daten zur Tour:

Länge: 66 km

Höhendifferenz: 176 Meter (Höhe von 82 Meter bis 258 Meter)

An- und Abstiege: + 634 Meter - 607 Meter

Steigungen: max.: +8,6% -10,2%; Durchschn.: +1,5% -1,4%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine anspruchsvollere Tour, geeignet für Tourenfahrer. Die Route führt zum großen Teil über Radwege an den Bundes- und Ortsstraßen sowie an der Weser über hervorragend ausgebaute Radwege. 

Der von mir gefahrene Streckenabschnitt auf der B64 zwischen Tonenburg (km 8) und Holzminden (km 10,9) ist sehr gefährlich. Ich empfehle eine Umfahrung auf der L 964 (ab Tonenburg) bis Albaxen und von dort über die Hansastraße / Corveyer Straße nach Stahle.

02.05.2016

Windfahrt

Nun habe ich also den zweiten Tag gebraucht, um nach Einbeck, der Stadt an der deutschen "Fachwerkstraße" zu kommen.

66 Kilometer lang, immer wieder auf und ab, ständig den Wind von vorn - aber es wird schön warm und ich habe den ganzen Tag Sonne.

Einen kleinen Schlenker an der Weser lang konnte ich mir nicht ersparen - ich habe mich einfach verfahren. Nun, irgendwie ist auch dieses Missgeschick für etwas gut: auf meiner Suche nach dem richtigen Weg habe ich über die Weser hinweg einen wunderbaren Blick auf Holzminden.

Ab Kilometer 32 geht es dann wieder hoch, rund 19 Kilometer hügelan mit kurzen Abfahrten - ich merke mein Gepäck - nee, Rennen kann man so nicht fahren.

Aber dann ist es gut, 15 Kilometer gleite ich auf der ruhigen Landstraße (immer den Gedanken im Kopf: "hoffentlich kommt keine Steigung mehr") hinein nach Einbeck, und finde Unterkunft im Gästehaus Baye.

Frau Baye, eine ältere Dame mit großer Familie ist einfach nur bezaubernd, lädt mich auf ein Schwätzchen ein und erzählt mir über Einbeck, über ihr wunderbares Leben als Kind - hier in der Hägerstraße und über die Verarmung der Stadt, die einmal alles hatte "...bis auf Schwerindustrie..". 

Gut ein Stündchen sitzen wir zusammen, dann zieht es mich in die Stadt - Fachwerkhäuser über Fachwerkhäuser, verziert mit wunderbaren Ornament-Schnitzereien säumen die engen Straßen der Altstadt.

Ich lande auf dem großen Marktplatz. In der warmen Abendsonne fröhne ich nun meinen Bedürfnissen - aber die kennt ihr ja schon.



 

An der Weser bei Höxter

51°46'36" N 9°23'52" E

Marktplatz in Einbeck

51°49'6" N 9°52'3" E

Schloss Corvey

51°46'38" N 9°24'27" E

Schnitzerei am Einbecker Rathaus

51°49'5" N 9°51'60" E

Blick auf Holzminden

51°49'40.0"N 9°26'34.4"E

Wohn- und Geschäftshaus Ecke Hullerser Straße und Marktstraße in Einbeck

51°49'0" N 9°51'57" E

Radweg an der Weser

51°50'43" N 9°26'24" E

Altes Rathaus in Einbeck

51°49'5" N 9°51'60" E


Tag 5

Einbeck

Die Farbe bröckelt - Dekoration an einer Fachwerk-Fassade

Tag 5 der Tour Köln-Berlin

Einbeck-Einbeck

PAUSE

Der Durchfall hat mich erwischt. Lag es am guten „Einbecker“, an der Anstrengung, an den Spaghetti Mare?

Weiß ich nicht.

So bin ich erst am Nachmittag durch Einbeck unterwegs. – Schöne Stadt, aber kaum sichtbares Leben darin. Ich fotografiere den Marktplatz gegen 17.00 Uhr, und er ist leer. Eine Stunde später kehre ich zurück; dasselbe Bild. Irgendwie fühle ich mich wie in einer Geisterstadt. „Wer kann sich denn hier noch Ausgehen leisten?“ sagt Frau Baye dazu.

Sie erzählt, wie das früher so war, als sie hier aufwuchs, in der Hägerstraße. "Mit hundert Kindern haben wir hier auf der Straße gespielt", sagt sie; im Wechsel haben die Erwachsenen auf der Straße gesessen, um aufzupassen, ob ein Auto käme - "und das war selten in den 50ger Jahren". "Heute", sagt Frau Baye, "gibt es hier nur noch zwei Kinder - und das sind meine Enkel; dafür aber hunderte Autos".

Eine schöne Vorstellung; die Entwicklung zum Heute finde ich eher bedrückend und bin froh, dass die Unpässlichkeit abklingt.

Morgen bin ich wieder unterwegs

Leere Straßen, leerer Platz; das alte Rathaus in Einbeck
51°49'5" N 9°51'60" E


Die Hägerstraße
51°48'55" N 9°51'56" E


In der Altstadt von Einbeck

Top


Tag 6

Einbeck-Söllingen


Landschaft bei Bad Gandersheim
51°51'42" N 10°1'43" E


Daten zur Tour:

Länge: 102 km

Höhendifferenz: 173 Meter (Höhe von 82 Meter bis 255 Meter)

An- und Abstiege: + 801 Meter - 822 Meter

Steigungen: max.: +8,8% -8,4%; Durchschn.: +1,4% -1,3%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine anspruchsvollere, landschaftlich sehr schöne Tour mit moderaten Steigungen. Geeignet für Tourenfahrer. Die Route führt zum großen Teil über Radwege an den Bundes- und Ortsstraßen. Entlang der spärlich frequentierten kleinen Landstraßen befinden sich keine Radwege.

Die Strecke eignet sich auch für Rennradfahrer


04.05.2016

Ein toller Tag

Es ist noch kühl, als ich aufbreche. Ich fühle mich prima und trete rein; weg aus Einbeck, hin zu neuen Ufern. Der Harz kommt auf mich zu; ein bisschen Bammel habe ich schon vor den Steigungen, aber der Pausen-Tag hat mir gut getan und ich merke, dass ich richtige Fahrradbeine bekommen habe.

Stunde für Stunde wird das Wetter besser, der Wind steht endlich nicht mehr gegen mich.

Ich nehme die Steigungen, wie sie kommen, muss nicht mehr absteigen und genieße die Landschaft, die Überblicke, das weite hügelige Land breitet sich aus, grandiose Mittelgebirgslandschaften. Später fahre ich durch riesige Feldflächen, Grün und Gelb; der Raps blüht jetzt überall, prägt die Landschaft und glänzt in der Sonne. Ich bin begeistert, kann mich nicht sattsehen und mache zig Bilder.

Auf den einsamen Streckenabschnitten hörst du nichts anderes, als die Nachtigall und die Feldlärche. Über dir schweben der schwarze und der rote Milan, Mäusebussarde jagen, Feldhasen laufen über die Felder, immer in Hab-Acht-Stellung, ducken sich, beobachten und laufen weiter.

Das alles unter einem pompösen Wolkenhimmel lässt dich alles vergessen, du bist in einer eigenen Welt.

Auf dem Weg holt die Geschichte mich ein: Bei Mattierzoll hat man ein Stück innerdeutsche Grenzanlage stehen lassen und zu einer Gedenkstätte gemacht. Merkwürdig, diesen Todesstreifen, sauber gepflegt, zu betrachten. Die Landschaft ist hüben wie drüben gleich und hat sich wohl nie an der Grenze gestört.

Nach 102 Kilometern lande ich in Söllingen und treffe Wilhelm, einen Polen-Deutschen, der schon Jahrzehnte hier lebt. Er erzählt mir in 10 Minuten sein Leben – und weist mir schließlich mit dem Gruß „Gute Gesundheit und viel Glück“ den Weg zu meiner Pension „Alter Bahnhof an der Grenze“, wo ich von den Vermietern Gabriele und Hans-Joachim  auf das herzlichste empfangen werde.

Rapsfeld bei Schladen
52°1'21" N 10°31'33" E


Die Leine bei Haieshausen
51°50'32" N 9°58'7" E


Damenausflug bei Liebenburg
52°0'50" N 10°24'59" E


Bauernland: Bredelem
51°58'23" N 10°21'17" E


Landschaft zwischen Einbeck und Volksen
51°48'48" N 9°54'39" E


Wilhelm begrüßt mich in Söllingen
52°5'27" N 10°55'39" E



Tag 7

Söllingen-Magdeburg

 

Daten zur Tour:

Länge: 63 km

Höhendifferenz: 62 Meter (Höhe von 52 Meter bis 114 Meter)

An- und Abstiege: + 260 Meter - 294 Meter

Steigungen: max.: +3,8% -6,4%; Durchschn.: +0,6% -0,6%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine flache Tour ohne Anspruch auf Kondition. Geeignet für Tourenfahrer.

Die ersten 10 Kilometer führen sehr schön auf Feld- und Landwirtschaftlichen Wegen von Söllingen bis Gunsleben. Der Rest der Strecke führt im Gros über wenig befahrene Landstraßen, an denen nur zum Teil Fahrradwege angelegt sind.

Die Tour eignet sich auch für Rennradfahrer.


 

5. Mai 2016

Preußenland

Die Gödes, meine Vermieter im Alten Bahnhof Söllingen hatten es mir beim Frühstück gesagt: „Jetzt fahren Sie durch Preußen, da sind die Straßen schnurgerade.“ … Und endlos lang muss ich feststellen. Es wird quälend an diesem Tag. Die Straße zieht sich durch die immer gleiche Landschaft bis zur Horizontlinie und der extrem starke Wind steht mir entgegen; ich strampele wie verrückt und komme kaum vom Fleck. Das ist bitter.

Ich wünsche mir, einer der schnellen Motorradfahrer zu sein, die an mir vorbeirasen und in wenigen Sekunden nur noch winzig kleine Punkte am Horizont sind.

Gerne würde ich jetzt noch mit den Gödes am Tisch sitzen, wo sie mir von den Begegnungen im wunderschönen Bahnhof erzählen, den Gästen, die Ihnen die Welt mit ihren Geschichten hereinbringen, von den Wanderern, den Suchenden, den Flüchtlingen, die alle ein Stück Leben dagelassen haben. Ich denke an den alten Wilhelm, der tags zuvor einfach nur zufrieden und scheinbar mit sich und der Welt im Reinen dastand, freundlich, neugierig und zugewandt.

Doch, was soll das Klagen? Immerhin finde ich auf dem Weg Zeugen preußischer- und DDR-Vergangenheit.

In Gunsleben steht ein riesiges steinernes Ehrenmal auf dem Dorfplatz, darauf der Preußische Adler und dran steht „den Helden von 1914 – 1918“ – Szenen aus Thomas Manns Untertan werden wach. In Neuwegersleben wird mir klar, dass ich mich der Königlich-Preußischen Optischen Telegrafenlinie entlang bewege, die in den Jahren 1833 bis 1849 der Nachrichtenübermittlung zwischen dem Rheinland und Berlin diente. Hier steht die Station 18. Im übrigen werde ich bis Magdeburg den nach dieser Linie benannten Radweg befahren.

Auch in Oschersleben gibt´s eine kleine Aufmunterung: das Fahrzeugmuseum NVA-Modelle und die Ostalgie-Cantine „Klubhaus Ernst Thälmann“  - witzig, wie dort Geschichte als Rumpelkammer gezeigt wird.

Endlich macht die Straße eine kleine Biegung und ich fahre in Magdeburg ein. Endlich wieder Leben auf der Straße, Cafés und Kneipen sind heute gut besucht – Es ist „Vatertag“.

Doch ich bin zu platt, um da noch mitzumachen. Ein kurzer Spaziergang, das ein oder andere Foto – mehr aus dokumentarischen Gründen, kurz etwas Essen und dann bin ich im Bett.

Gabi und Hans-Joachim Göde
52°5'35" N 10°55'45" E

Ehrenmal in Gunsleben

52°3'0" N 11°2'10" E

Im „Klubhaus Ernst Thälmann“ in Oschersleben

52°1'41" N 11°15'7" E

Preußische Optische Telegrafenstation Nr. 18 bei Neuwegersleben  

52°2'29" N 11°6'18" E

NVA-Fahrzeugmuseum in Oschersleben

52°1'41" N 11°15'7" E

Hundertwasserhaus in Magdeburg

52°7'37" N 11°38'1" E

Leninstatue vor dem „Klubhaus Ernst Thälmann“ in Oschersleben 52°1'41" N 11°15'7" E


Tag 8

Magdeburg - Plaue

Marina am Plauer See

52°24'13" N 12°23'37" E

 

Daten zur Tour:

Länge: 74 km

Höhendifferenz: 49 Meter (Höhe von 30 Meter bis 79 Meter)

An- und Abstiege: + 405 Meter - 437 Meter

Steigungen: max.: +5,2% -5,4%; Durchschn.: +0,6% -0,8%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine flache Tour ohne Anspruch auf Kondition. Geeignet für Tourenfahrer.

Die Strecke führt im Gros über Bundesstraßen mit gut ausgebauten Radwegen und über wenig befahrene Landstraßen, an denen nur zum Teil Fahrradwege angelegt sind.

Die Tour eignet sich auch für Rennradfahrer.

6.Mai 2016

Vorletzter Tag

Bei Kilometer 70 fange ich an, Quartier zu suchen. Eigentlich wollte ich die 84 bis Brandenburg an der Havel vollmachen, aber der Wind ist den ganzen Tag stärker geworden und zieht mir auf den schier endlos langen geraden Straßen so langsam den Saft raus.

Immerhin schützt mich auf weiten Streckenabschnitten dichter Wald links und rechts der Straße und hält die gröbsten Böen ab. So tuckere ich dahin, hänge meinen Gedanken nach und trete mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand einfach weiter. Zwischendurch überholen mich Radrennfahrer, grüßen und wünschen mir eine gute Reise. Das hebt immer mal wieder meine Stimmung,  ist aber auch so ziemlich alles, was ich an Abwechslung erfahre. Die wenigen Orte, die ich passiere wirken wie ausgestorben. Hübsch gemacht sind sie teilweise, aber vieles verfällt auch. – Manchmal wirken die Dörfer, als hätte man sie gleichmütig sich selbst überlassen und schaute zu, wie die Natur sie sich wiederholt.

In Genthin finde ich eine Frittenbude auf dem hübsch hergerichteten Marktplatz, eine der wenigen offenen Lokalitäten auf meinem Weg. – Da sitze ich unter einer großen Säule mit Persil-Reklame aus den 1950gern, schaue auf die andere Straßenseite, entdecke bunte Reklame an Geschäften, die niemand  aufzusuchen scheint, „Ratenzahlung ohne Zinsen – Wer jetzt hier nicht kauft, ist selber Schuld“, ist auf der Fensterscheibe eines schon vor langem aufgegeben Ladenlokals zu sehen. – Ich mache dass ich weiterkomme.

17 Kilometer zieht sich jetzt die Straße, ohne eine Ortschaft zu berühren, ich falle  in eine Art Trance, sehe nur noch auf die Horizontlinie und die in der Ferne spitz zusammengehenden Linie der Straße.

In Plaue werde ich wieder wach, der Wind frischt nochmal auf, wenn ich aufhöre zu treten, stehe ich fast unmittelbar.

Nach 74 Kilometern ist es geschafft. Direkt am Plauer See gelegen finde ich das kleine Hotel Ikarus und mache Schluss.

 

Blick über die Elbe in Richtung Magdeburg

52°9'15" N 11°40'26" E

Marktplatz in Genthin

52°24'23" N 12°9'23" E

Blick auf Parchen

52°20'51" N 12°4'22" E

 

Tag 9

Plaue - Berlin

Schloss Sanssouci

52°24'15" N 13°2'13" E

Daten zur Tour:

Länge: 96 km

Höhendifferenz: 49 Meter (Höhe von 27 Meter bis 93 Meter)

An- und Abstiege: + 568 Meter - 558 Meter

Steigungen: max.: +9,0% -6,5%; Durchschn.: +0,8% -0,8%

Berechnungen: GPSies und Google Earth

Streckencharakter

Eine flache Tour ohne Anspruch auf Kondition. Geeignet für Tourenfahrer.

Die Strecke führt im Gros über Bundesstraßen mit gut ausgebauten Radwegen und über wenig befahrene Landstraßen, an denen nur zum Teil Fahrradwege angelegt sind.

Die Tour eignet sich auch für Rennradfahrer.

7. Mai

Geschafft!

Durch das Havelland geht’s Richtung Berlin. Der Wind ist noch stärker geworden, aber an Absteigen denke ich heute nicht. Am liebsten wäre ich wie die Tour de France-Fahrer mit einer Flasche Schampus in der Hand geradelt.

Immer wieder halte ich, um Fotos zu machen – zu schön ist es hier an der Havel, um nur noch an´s Ankommen zu denken.

In Potsdam mache ich den letzten größeren Halt – tausende Touristen schwärmen durch die Gärten von Sanssouci. Mit müden Beinen schlurfe ich mit und lasse die ganze Pracht auf mich einwirken. – Schöner Abschluss denke ich und fahre weiter zur Glienicker Brücke, wo verabredungsgemäß mein Freund Mathias mit seinem Bus auf mich wartet und mir gut 30 Kilometer Sight-Seeing-Tour bis nach Kreuzberg schenkt. Ein merkwürdiges Gefühl nach acht Tagen statt zwei, vier Räder unter dem Hintern zu haben und kutschiert zu werden. Ich genieße das in vollen Zügen.

Was dann geschah…."Kreuzberger Nächte" sind lang.

 

Kanal bei Klein Kreutz

52°26'40" N 12°38'35" E

 Kirche in Gutenpaaren

52°28'41" N 12°45'58" E

Sacrow-Paretzer-Kanal bei Marquardt

52°27'6" N 12°58'49" E

Die Havel in Ketzin

52°29'9" N 12°49'35" E


Nachspiel oder die helfende Hand auf meinem Rücken

Gutes Trio: Thorsten Moeck, Rolf Wolfshohl und Jens Meifert (von links nach rechts)

 

11.05.2016

Eigentlich wollte ich nach meiner Berlin-Tour erst am Wochenende wieder mit leichtem Training beginnen.

Aber es gab die Gelegenheit, für die Rundschau-Serie „das Rheinland radelt“ eine Runde zusammen mit Rolf Wolfshohl (in den wärmeren Jahreszeiten sein täglicher Weg mit dem Rennrad von zu Hause in seine Firma und zurück) und meinen Kollegen Jens Meifert und Thorsten Moeck zu fahren. Mir war es freigestellt, mitzufahren, oder die drei mit dem Auto zu begleiten. Mich reizte natürlich die Rennrad-Tour von Neubrück nach Neuenkirchen-Seelscheid und zurück.

Schnell kam die Erkenntnis, dass drei Kreuzberger Nächte und gerade überstandene 600 Kilometer Radtour nicht wirklich gute Voraussetzungen sind, an einem so sportlichen Ereignis aktiv teilzunehmen.

Die ersten wenigen Kilometer klebe ich noch einigermaßen passabel am Hinterrad des Profis, der mit gleichmäßigem, schnellem Tritt fährt, merke aber bald, dass dies nicht mein Tag ist. Die (im Übrigen topfitten) Kollegen überholen mich und hängen sich locker an Wolfshohl dran. Schön und elegant sieht ihre Fahrweise aus. Ich gebe, was ich noch drin habe und lutsche an den Hinterrädern. Vorbei geht es an Gut Leidenhausen – dann, so ungefähr bei Kilometer 10 auf der Alten Kölner Straße neben dem Flughafen Köln-Bonn geht es in die ersten leichten Steigungen. Ich falle immer mehr ab und die drei sind gezwungen, auf mich zu warten. „Gehen 25 (km/h)?“, fragt Wolfshohl – Ich nicke nur und man lässt mich vorne fahren.

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Nein, 25 kann ich nicht halten. Immer wieder rutscht der Tacho unter 20. Der Profi fährt leicht versetzt hinter mir.

Und dann merke ich seine Hand in meinem Rücken. Er schiebt mich an den Steigungen immer wieder an. Ich bin überrascht und höchst erleichtert. „Noch eine (Steigung)“, sagt Wolfshohl, „dann sind wir oben“ und schiebt mich ein letztes Mal.

Bei Kilometer 20, noch in Lohmar, ist es dann für mich vorbei; die Muskulatur ist fest - betonhart. Die drei ziehen ab in Richtung Neuenkirchen-Seelscheid. Ich versuche erst gar nicht, auf den nun folgenden rund viereinhalb Kilometern, die auf der B 507 von Lohmar (Höhe ca. 66 m ü.NN) bis nach Pohlhausen (214 m ü. NN) gehen, aufzuholen. Schon bald sehe ich die drei nicht mehr und falle in den Rhythmus, der mir gut tut.

In Pohlhausen steige ich ab, genehmige mir in einer Kneipe ein Wasser und massiere die schmerzenden Waden. Die drei sind noch ein paar Kilometer weiter nach Seelscheid zum Haus von Rolf Wolfshohl gefahren und haben sich dort noch ein wenig unterhalten.

Auf der Rückfahrt mit den Kollegen bin ich erholt und wir radeln recht flott. Kein Wunder, denn es geht ja bergab. 

Wieder in Neubrück fühle ich mich erstaunlicherweise nicht kaputt, sondern im Gegenteil erfrischt. Und ich habe eine neue Trainingsstrecke gefunden, die ich gewiss öfter fahren und ausbauen werde. Vielleicht begegne ich ja das ein oder andere mal Rolf Wolfshohl.

Der Artikel zur Tour erschien am 18.05.2016 im Lokalteil der Kölnischen Rundschau.