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Ein Stück Kuchen in eineinhalb Stunden

Projekt „x-mal Mensch Stuhl“ von Angie Hiesl beim Detmolder Festival „Bildstörung“

von Hans-G. Meisenberg

19.05.18 / Detmold - „Sie antwortet nicht“ – „Sie wird auch nicht antworten“; „Kann da jeder hoch?“ „Was macht der da, Papa?“ – „Das ist Kunst!“ schallt es aus dem Publikum.

Hoch über ihm sitzen auf zehn weißen Stühlen, an Fassaden in der Detmolder Innenstadt verteilt, „angeklebt“ in vier bis sieben Metern Höhe lebendige Skulpturen. Sie tun Alltägliches, lesen Zeitung, graben in Handtaschen, essen ein Stück Kuchen, putzen Gemüse oder zeichnen.

Die Performer sind ältere Menschen über 63 im Ruhestand, die die Kölner Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser in Köln für das Projekt „x-mal Mensch Stuhl“ in der der alte Mensch in unserer Gesellschaft im Spannungsfeld von Architektur und Alltag im Focus steht, ausgewählt haben.

Das Projekt wurde 1995 von Angie Hiesl in Köln uraufgeführt und reiste um die ganze Welt. Jetzt war es im Rahmen des Europäischen Straßentheater-Festivals „Bildstörung“ Detmold zu sehen.

Hoch oben sitzt Robert Firgau, ehemaliger Lehrer und praktizierender Bildhauer, und zeichnet. Versunken in seine Arbeit scheint er die Zuschauer nicht wahrzunehmen. Er folgt dabei der Regieanweisung der Künstlerin. Interaktion soll nicht stattfinden; es ist am Publikum, zu denken, zu interpretieren und wahrzunehmen. „Da oben meinen „Space“ zu halten“, sagt der Darsteller, „ist schon eine Herausforderung.“

Versonnen putzt die ehemalige Betriebswirtin  Edeltraud Sonneck Gemüse „Das hat nicht entscheidend mit meinem Leben zu tun“ sagt sie. „Aber darum geht es auch nicht. Die Betrachter sollen zum Nachdenken angeregt werden. Deshalb zeigen wir diese kleinen Alltäglichkeiten.“ Sie genießt die Reaktionen und ihre Rolle: „Man sitzt da oben und macht seinen Job – praktisch in einem imaginären Raum.“

Während des Castings hat Bert Voiss nicht geglaubt, dass er genommen würde. „Da waren viel interessantere Leute als ich“, meint er.

Nun sitzt er auf seinem Stuhl, raucht genussvoll eine dicke Zigarre und liest Zeitung. „Faszinierend“, sagt er, „würde ich das in einem Café machen, nähme mich kaum jemand wahr.“ Der ehemalige Controller spielt seit 35 Jahren Laien-Theater. Hier sei es anders. „Einfach nur dazusitzen, versunken in seiner kleinen Welt und wirken“. Das ist wundervoll für ihn. „Ich genieße einfach nur mein Tun und den Gedanken daran, wie das von unten gesehen wird, - großartig.“

Derweil ist Elke Mirschinka  schwer beschäftigt.

Sie „lebt“ aus ihrer Handtasche heraus, entdeckt einen Schminkstift, schminkt sich; findet ein kleines Fotoalbum, in dem sie blättert, gräbt weiter, Bürste und Spiegel kommen zum Vorschein und werden sogleich benutzt. Schließlich beschäftigt sie sich noch mit ihrem Terminkalender und zählt das Geld in ihrem Portemonnaie. „Ich mache halt das, was ich auch in einem Café tun würde. Nur eben in vier Metern Höhe“, meint sie. Die Passanten sind auf ihre Handlungen gespannt „Was kommt jetzt, was macht sie als Nächstes?“. Elke Mirschinka glaubt, mit ihrer Darbietung eine gewisse Macht aufs Publikum auszuüben. „Macht ist vielleicht ein zu starker Begriff aber die Performance und wir als Darsteller zwingen die Leute schon sehr zur Aufmerksamkeit“.

Ganz ruhig sitzt Ralf Harster an der Fassade eines Bistrots. Er verspeist ein Stück Kuchen, Stückchen für Stückchen – eineinhalb Stunden lang. „Das ist eine große Herausforderung“, sagt der ehemalige Tänzer und Schauspieler.

Diese Performance sei etwas ganz anderes als die Schauspielerei, meint er; „Im Theater spielt man ja das Publikum an; hier ist man ganz bei sich, spielt nicht, sondern macht Alltägliches in seinem eigenen Kosmos. – das ist etwas sehr Meditatives“. Und man strahle dabei eben die Ruhe aus, die das Alter ja auch habe.

Die Performance ist vorüber, unbemannt hängen die Stühle an den Fassaden und werden nicht mehr wahrgenommen. In ein paar Stunden geht es wieder los: Alte Menschen klettern an Fassaden hoch, essen, lesen, schminken sich, zeichnen. Und wieder wird das Publikum fasziniert davorstehen und sich fragen: „Was machen die da eigentlich?“

Artikel vom 22.05.2018 in der Printausgabe der Kölnischen Rundschau und im Online-Auftritt der KR

Edeltraud Sonneck

Robert Firgau (Foto: Privat)

Elke Mirschinka

Elfi Schalck und Bert Voiss

Elfi Schalck

Elke Mirschinka